Paul Ignaz Vogel und die «neutralität» im Kalten Krieg

Eigentlich wollte er Brücken bauen zwischen Ost und West, kurz nach der Kuba-Krise im November 1962. Als 23-jähriger Student wohnte der gebürtige Basler Paul Ignaz Vogel als Gaststudent in Berlin. Die Rede des Theologen Erich Müller-Gangloff zur Frage «Kann man mit den Russen sprechen?» führte ihn nach der Rückkehr in die Schweiz im Frühling 1963 zur Gründung der Zeitschrift «neutralität».

 

Bis 1974 blieb die Zeitschrift bestehen. Bis 1970 war sie Aushängeschild der sogenannten Nonkonformisten, die die breit abgestützte antikommunistische Mentalität der kalten Krieger in der Schweiz heftig kritisierten, selbst jedoch auch keine Kommunisten waren. Die Intellektuellen um Vogel fanden in der «neutralität» eine Plattform für Tabuthemen wie Dienstverweigerung, Homosexualität, Verdrängung der Schweizer Geschichte, Umgang mit Minderheiten, Ost-West-Dialog u.v.m.

Zu den Autoren (nur Männer!) gehörten Schwergewichte wie der Frankfurter Staatsanwalt Fritz Bauer, die Autoren Rolf Hochhuth, Max Frisch, Walter Matthias Diggelmann, Christoph Geiser, Verleger Ueli Kaufmann, Journalisten wie «Beobachter»-Chef Peter Rippmann , Mario Cortesi und Frank A. Meyer u.v.m.

 

Durch die laute und oft aggressive 68er-Bewegung verlor die «neutralität» ihre Bedeutung als Plattform, deren Waffen das Wort war. Ende 1969 stand die «neutralität» noch zweimal im Rampenlicht: Im Oktober überreichte der Schriftsteller Friedrich Dürrenmatt eines Teil seines Preisgeldes für den Berner Literaturpreis an Vogel weiter und lobte dessen unbestechlichen Analysen. Zwei Monate später entlarvte Vogel mit zwei Freunden antisemitische, teils nazifreundliche Publikationen in den 1930er Jahren des aktuellen Bundespräsidenten Ludwig von Moos.  

 

Unter dem Eindruck von Bedrohungen nach der von Moos-Affäre trat Vogel 1970 der SP bei. Der soeben gewählte, westdeutsche Bundeskanzler Willy Brandt ebnete mit seiner Versöhnungspolitik den Weg für einen verstärkten Dialog zwischen Ost und West. Vogels Frage lautete nun: «Wie kann man mit den Russen sprechen?» Die Schweiz war gerade dabei, wirtschaftliche und politische Beziehungen im Ostblock aufzubauen, und zwar in sogenannt eurokommunistischen Ländern wie Rumänien, welche – wenigstens offiziell – die stalinistische Linie der Sowjetunion ablehnten. Die SP oder zumindest einige Exponenten spielten eine zentrale Rolle bei dieser Annäherung, verwendete die «neutralität» als Aushängeschild und brachte Vogel als Person beruflich, gesundheitlich und finanziell an die Grenzen. Mit dem Ende der «neutralität» endete auch die staatliche Observation des Journalisten Paul Ignaz Vogel.